Amalgam ist seit ueber 150 Jahren als Fuellungsmaterial in der Zahnmedizin im Einsatz und war lange Zeit der Standard fuer die Versorgung von Kariesdefekten im Seitenzahnbereich. Doch die Diskussion um die Sicherheit von Amalgam – insbesondere aufgrund seines Quecksilbergehalts – hat dazu gefuehrt, dass das Material in vielen Laendern zunehmend durch Alternativen ersetzt wird. In der Schweiz ist die Verwendung von Amalgam ruecklaeufig, aber nicht verboten.
Was ist Amalgam?
Zahnamalgam ist eine Legierung aus verschiedenen Metallen. Es besteht zu etwa 50 Prozent aus Quecksilber (Hg), das mit einem Pulver aus Silber, Zinn, Kupfer und Zink vermischt wird. Durch die Vermischung entsteht eine plastische Masse, die in den Zahn eingebracht wird und dort aushaertet. Das Ergebnis ist eine aeusserst haltbare, kostenguenstige Fuellung.
Vorteile von Amalgam
Trotz der Kontroversen hat Amalgam unbestrittene Vorteile:
- Haltbarkeit: Amalgamfuellungen halten durchschnittlich 10 bis 15 Jahre, oft laenger
- Belastbarkeit: Sehr widerstandsfaehig gegen Kaubelastung im Seitenzahnbereich
- Einfache Verarbeitung: Weniger feuchtigkeitsempfindlich als Kunststofffuellungen
- Guenstiger Preis: Amalgam ist das kostenguenstigste Fuellungsmaterial
Die Quecksilberdebatte
Wie wird Quecksilber freigesetzt?
Aus Amalgamfuellungen wird in geringen Mengen Quecksilberdampf freigesetzt, insbesondere beim Kauen, Zaehneputzen und beim Konsum heisser Getraenke. Dieser Dampf wird ueber die Lunge aufgenommen und im Koerper verteilt. Die Mengen sind gering, aber messbar: Menschen mit Amalgamfuellungen haben nachweislich hoehere Quecksilberwerte im Blut und Urin als Personen ohne Amalgam.
Gesundheitsrisiken: Was sagt die Wissenschaft?
Die Frage, ob Amalgamfuellungen gesundheitsschaedlich sind, wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert:
Offizielle Position: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die europaeischen Gesundheitsbehoerden und die Schweizerische Zahnarztegesellschaft SSO stufen Amalgam als sicher ein, solange keine Allergie gegen einen der Bestandteile vorliegt. Die freigesetzten Quecksilbermengen liegen nach aktuellem Wissensstand unterhalb der schaedlichen Schwellenwerte.
Kritische Stimmen: Einige Wissenschaftler und Umweltmediziner argumentieren, dass auch geringe Mengen Quecksilber bei Langzeitexposition schaedlich sein koennen, insbesondere fuer empfindliche Personengruppen. Individuelle Entgiftungsfaehigkeiten koennen unterschiedlich sein.
EU-Regelung: Seit 2018 ist die Verwendung von Amalgam bei Schwangeren, Stillenden und Kindern unter 15 Jahren in der EU eingeschraenkt. Die Schweiz hat diese Regelung nicht direkt uebernommen, orientiert sich aber zunehmend daran. Langfristig wird ein vollstaendiges Amalgamverbot in der EU angestrebt – hauptsaechlich aus Umweltschutzgruenden (Quecksilberbelastung des Abwassers).
Amalgam in der Schweiz: Aktuelle Situation
In der Schweiz wird Amalgam heute nur noch selten verwendet. Die meisten Zahnmediziner sind auf zahnfarbene Komposit-Fuellungen oder Keramikrestaurationen umgestiegen. Die Gruende:
- Zunehmende Patientennachfrage nach aesthetischen, zahnfarbenen Loesungen
- Fortschritte bei alternativen Materialien
- Vorsorgliche Haltung gegenueber Quecksilber
- Umweltauflagen fuer die Entsorgung von Amalgamabfaellen (Amalgamabscheider in jeder Praxis vorgeschrieben)
Amalgam ist in der Schweiz aber weiterhin zugelassen und wird vereinzelt noch eingesetzt, etwa in Situationen, in denen eine trockene Arbeitsweise schwierig ist.
Alternativen zu Amalgam
Komposit (Kunststofffuellungen)
Komposit ist heute das am haeufigsten verwendete Fuellungsmaterial in der Schweiz. Es besteht aus einer Kunstharzmatrix mit eingebetteten Keramik- und Glaspartikeln und wird direkt im Zahn ausgehaertet (mit UV-Licht).
- Vorteile: Zahnfarben, schmelzschonend (weniger Zahnsubstanz muss entfernt werden), kein Quecksilber
- Nachteile: Aufwaendigere Verarbeitungstechnik, etwas geringere Haltbarkeit als Amalgam (durchschnittlich 8 bis 12 Jahre), hoehere Kosten
- Kosten: CHF 150 bis CHF 600 pro Fuellung, je nach Groesse
Keramikinlay
Keramikinlays werden im Zahnlabor massgeschneidert und dann in den Zahn eingeklebt. Sie bieten die hoechste Aesthetik und Haltbarkeit unter den Fuellungsmaterialien.
- Vorteile: Hervorragende Aesthetik, sehr haltbar (15 bis 20 Jahre und laenger), biokompatibel
- Nachteile: Hohe Kosten, zwei Termine noetig (oder CAD/CAM-Fertigung am selben Tag)
- Kosten: CHF 800 bis CHF 1'500 pro Inlay
Goldinlay
Goldinlays sind aeusserst haltbar und materialvertraeglich, werden aber wegen der auffaelligen Farbe heute selten nachgefragt. Kosten vergleichbar mit Keramikinlays.
Bestehende Amalgamfuellungen: Entfernen oder belassen?
Wann entfernen?
- Bei nachgewiesener Amalgamallergie (selten, aber moeglich)
- Bei defekten Fuellungen (Randspalt, Bruch, Sekundaerkaries)
- Auf ausdruecklichen Wunsch des Patienten
- Im Rahmen einer aesthetischen Sanierung
Wann belassen?
- Wenn die Fuellung intakt ist und keine Beschwerden verursacht
- Wenn kein klinischer Grund fuer einen Austausch besteht
- Die unnoetige Entfernung intakter Fuellungen belastet den Zahn und setzt waehrend der Entfernung kurzfristig mehr Quecksilber frei als das Belassen der Fuellung
Sichere Entfernung
Wenn Amalgamfuellungen entfernt werden, sollte dies unter Schutzmassnahmen geschehen:
- Kofferdam (Gummimantel) zur Isolierung des Zahnes
- Absaugung des Amalgamschleifstaubs
- Grobes Heraushebeln statt Ausbohren (reduziert die Quecksilberfreisetzung)
- Sauerstoffzufuhr ueber die Nase optional
Fazit
Amalgam ist ein bewaehrtes, haltbares und preisguenstiges Fuellungsmaterial, dessen Sicherheit nach aktuellem wissenschaftlichem Stand als ausreichend eingestuft wird. Gleichzeitig stehen heute hochwertige Alternativen zur Verfuegung, die aesthetisch ueberlegen und quecksilberfrei sind. Die Entscheidung fuer oder gegen Amalgam ist letztlich eine persoenliche, die Sie nach Abwaegung der Fakten gemeinsam mit Ihrem Zahnarzt treffen sollten.